Heylive-Serie No.6 -MEIN Weihnachten in Otzweiler. Nix vermisst!

Kategorie: Meddersheim, Otzweiler, Lokale News an Nahe und Glan, Highlights, Bernd Hey: Meine Meinung, Einst & Heute

 

CoolFotos unten Textende anklicken. Erinnerungen an meine Kindheit und Weihnachten als I-Dötzchen vor 55 Jahren in der Volksschule in Otzweiler. Als Kind ging ich in der Randgemeinde von Kirn-Land nicht in den Kindergarten – die heutige Kita „Regenbogen“ für die Zuordnungsgemeinden Becherbach, Heimweiler, Limbach + Otzweiler wurde erst 1978 eröffnet.

„Ja, Virginia, es gibt einen Weihnachtsmann“, diese bewegende Geschichte aus der „New York Sun“ 1897 las unser damaliger Volksschullehrer Erwin Mielke. Diese Story sollte mich wie Spritzgebäck, Zimtwaffeln und Kaltgebäck, wie „Stille Nacht“, Tannenbaum oder „Alle Jahre wieder“ von Pfarrer und Fabeldichter Johann Wilhelm Hey mein Leben lang begleiten. Erwin Mielke war belesen, konnte acht Klassen in der Dorfschule unterrichten, er reiste durch die Welt und schrieb als Reporter viel für die Allgemeine Zeitung in Kirn. Und er war exakt: „Ranzen unter`n Tisch, wir jeh`n ein Stück - an die Dicke Eiche“, rief er in berlinerischem Slang. Nun stürmten die älteren Schüler die letzten Meter durch Rückwald und Römerstraße ins Vierländereck Otzweiler, Sienhachenbach, Schmidthachenbach und Becherbach und erklommen den uralten Baum, den acht Kinder umfassen konnten. Dicke Eiche eben, Naturdenkmal am Antestal. Aber: Alle mussten sich in Reih´ und Glied stellen und erhielten eine schallende Ohrfeige. „Wir jehen an die Dicke Eiche- nicht auf die Dicke Eiche!“

… es gehört zur Chronistenpflicht und zum Klassendünkel dieses Autors, dass ab 2. Mai 1962 bis 1966 die Volkschule in Otzweiler und danach die Christliche Simultanschule - die Kyrburgschule auf Halmen in Kirn, acht Jahre besuchte, ohne einen einzigen Schultag gefehlt zu haben! Und? Genützt habe es mir wenig – sagen die einen… „Bernd ist sehr ordentlich, aber er schwatzt ununterbrochen“, steht noch heute im Zeugnis 1963.

Zurück zu Weihnachten. Ich durfte als i-Dötzchen ein ausladendes Tannenbäumchen im Weihnachtsmärchen spielen. Ein Tannenbäumchen! Ein verdammt harter Job, die ausgebreiteten Arme als „Äste“ wurden schwerer und schwerer. Ein Fiasko. Erinnerungen fehlen mir. Es gab in all den Kindheitsjahren nichts, was ich damals vermisst hätte. Absolut nichts. Es war so. Man kannte und wusste es nicht anders, war als Kind behütet und daheim: Wenn der Tierarzt gebraucht wurde, musste man zum Orts-Vorsteher Henrich oder Billard laufen, der ein Telefon besaß. Und oft saßen wir Buben in der Kammer bei „Scheffjobs“ (Henrich) oder „Edingersch“ (Reidenbach) in der Nachbarschaft und schauten s/w Fernseher. Milchgeld (1.000 bis 1.100 D-Mark!) wurde Bar-Cash bei Theiß´e oder in der Wirtschaft „Zum alten Försterhaus" bei Rös´chen und Lisa Hohneck ausgezahlt, im Ort war das „Spiesse“ Brauch, wenn irgendwo eine Hochzeit oder Jubiläum war. Grumbiere raffen, das Quetsche-brechen oder das Patronenhülsen sammeln nach Mega-Manövern der Amis waren für uns Kinder lukrative Einnahmequellen. Wenn ich einmal Fahrrad fahren wollte, war es platt. Mit meinem Cousin Kurt wuchs ich damals an der Milchbank (Kannen-No.552), bei den Großeltern Emma und Johann Hey mit Ackerbau und Viehzucht in der Landwirtschaft auf. Der Opa zackerte immer eine gerade Fuhr, will heißen, er hatte Ordnung und Struktur – die Oma erklärte mir die Welt, den Krieg, und brachte mir die altdeutsche Sütterlinschrift bei. Wir hatten acht Milchkühe, acht Schweine, Hühner, zwei Ackerpferde, ein Hund und zuletzt zwei M-A-N Bulldogs und einen Claas Europa Mähdrescher mit 90-PS Perkins-Motor. Das war schon etwas.

Direkt vis-a-vis von unserem Haus in der Dorfstraße 57 mitten im Dorf betrieb die Frau von meinem Pat ein Gemischtwarenladen und bekam donnerstags frische Ware. Da fiel öfters etwas ab - vor allem Obst oder Reste von dicken Rippen Schokolade (heute Romy-Kokos) - da war das ganze Jahr über Weihnachten! Heute wünschte ich mir oft, ein Instrument spielen zu können, Gitarre oder Klavier. Damals gab es keine Musikschulen, kein Förderunterricht – wenn jemand Flöte oder Klavier spielen konnte, waren es Lehrer oder der Pfarrer. Als Kind rief mich die Feldarbeit, Mist von Hand mit der Gabel spreiten (ausbreiten), Heu wenden, in der Scheune Heu rupfen, das Vieh versorgen, Holz zu zweit mit der Trumpfsäge sägen für damals schneereiche und bitterkalte Winter, die Eisblumen an die Fenster zauberten.

Weihnachten war Weihnachten wie für alle Kinder, erwartungsfroh, geheimnisvoll. Mit einer gravierenden Erinnerung: Mit Häbe und Beil ging ich mit meinem Cousin Klaus in den Brunnenschlag, weniger als 300 Meter vom Haus entfernt, ein Weihnachtsbäumchen schlagen. „Halt, sofort stehenbleiben!“ rief da die Stimme aus dem Tann. Uns schlackerten die Knie, das Herzchen rutschte in die Hose. Es war der Siener Förster Frickhofen mit Gewehr der nach Feststellung der Personalien uns das "Werkzeug" wegnahm: „Der geht jetzt durchs Dorf und trägt die Häpe wie eine Trophäe am Gürtel und sagt dann den Leuten, dass er euch beim Baumfrevel erwischt hat…“, sagte Opa Johann. Aber wie beim königlich-bayrischen Amtsgericht kam ich ungeschoren aus der Nummer. Die Kirche war für Kinder langweilig, die neuen Kleider unnötig, das Essen wie immer, Bäumchen schmücken eine Tortur, und wenn alle Kerzen brannten, Wachs auf das gestickte-geheiligte Deckchen lief, dann wurde es schnell heiß in der guten Stube und stank beim Kerzenausblasen bestialisch. Auch mein 70-jähriger Cousin Kurt Hey in Eulenbis bei Weilerbach kann sich 2018 nur an eine ein Ouadratmeter große Holz-Eisenbahn und an einen kleinen Blech-Panzer, der vor- und rückwärts fuhr, erinnern. Fotos? Nein. Und: Nach Weihnachten war alles wieder für ein Jahr wie vom Erdboden verschwunden…Business as usual.


Mein Elternhaus

in Kirn

...ausgebüxt

Berthold, Erhard + Bernd

Die Dicke Eiche