Kirn: Bei Thomas Görgen läuft Uhr ab - Handwerk zollt Internet Tribut

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Fotos UNTEN ankliken. Kirn. Ab 16.11.2020  beginnt der Räumungsverkauf und Ende des Jahres ist Schluss: Dann sperrt Uhrmachermeister Thomas Görgen im Kirner Steinweg die Ladentür zu. „Dann haben wir fertig“, sagt er, und zählt mit einem Maßband wie bei der Bundeswehr die Tage rückwärts. Er hat die eigene Immobilie verkauft, muss seinen Hausstand bis Ende Februar ausräumen – das Haus wird weiterhin als Geschäftshaus bestehen bleiben – die Kirner dürfen gespannt sein! Thomas Görgen wird in seiner kleinen Spezialwerkstatt in der Bachstraße in Merxheim weiterhin Uhren reparieren, nur halt eben anders und ohne Stress. Sein Beruf sei Berufung, interessant und abwechslungsreich: „Bis an mein Lebensende werde ich Uhren reparieren“, sagt er – seine Stammkundschaft kommt aus dem Saarland bis ins Rhein-Main Gebiet und von weit her angereist.

Nein, unzufrieden sei er nicht und Corona sei ausdrücklich nicht schuld, sagt er. Im Gegenteil. Die Leute nehmen sich mehr Zeit, etwas in Reparatur zu geben – und seit die städtischen Buschtrommeln die Schließung verkünden, kommen ganz viele Kunden und lassen sich zum Abschied wieder blicken, resümiert er zufrieden. Er bezieht bereits Rente und geht in sein 50. Berufsjahr. Irgendwann muss Schluss sein - den inhabergeführten Familienbetrieben fehlen die Betriebsnachfolger. Auch ihm. Wenn er die Gehaltsabrechnung seiner drei Kinder sehe, könne er nicht mithalten: Alle seien gut situiert und stehen für eine Übernahme nicht bereit: Die älteste Tochter Hanna, Jahrgang 1990, ist Berufsschullehrerin, Helena ist junge Mutter von Lisa und Hygiene-Inspektorin beim Gesundheitsamt in der Kreisstadt und Sohn Matthias Feingerätebauer bei Schneider-Optik, ebenfalls in Bad Kreuznach.  Ob sich landesweit überhaupt ein Uhrmacherlehrling in der Ausbildung befindet, glaubt Thomas Görgen nicht. Als er den Beruf ab 1970 erlernte, gab es an der Kirner Berufsschule noch eine Klasse mit 13 Azubis. „Es gab Zeiten, da hat es mir trotz Konkurrenz in der Stadt viel mehr Spaß gemacht“, zählt er im Steinweg das Geschäft Stumm, Inhaber Kleinen, am Marktplatz Uhren, Schmuck und Optik Grebe und in der Nahegasse/Ecke Gerbergasse Mark auf. Konkurrenz habe zu allen Zeiten das Geschäft belebt - die Mitbewerber waren nie das Problem, sondern verstärkt das Internet, konstatiert er im Nachhinein.

Perfekten Service und Kundenwünsche erfüllte bereits der Großvater mütterlicherseits in Bad Hönningen und später in Bad Kreuznach. In dritter Generation macht Uhrmachermeister Thomas Görgen Ende des Jahres das Licht aus. Über Jahrzehnte wartete er die Kirchturmuhr in der evangelischen Kirche. Am 15. November 1952 berichtete die Kirner Zeitung von einem „Spezialgeschäft mit eigener Werkstatt, Uhren, Gold und Silberwaren“, das Albert und Hedi Görgen, damals im Steinweg 13, im Gebäude der früheren Kreissparkasse eröffneten. Im Rahmen der Stadtsanierung wurde das Haus Ecke Steinweg/Langgasse abgerissen, 1971 das heutige Geschäftshaus Steinweg 27 bezogen, wo einst das Bekleidungshaus Zerfass war.

1981 verunglückte Albert Görgen, begeisterter Flieger und Gründungsmitglied des Kirner Flugsportvereins tödlich – ein schwerer Schicksalsschlag. In dieser Zeit besuchte Sohn Thomas Görgen die Meisterschule in Würzburg und übernahm nach dem tragischen Tod des Vaters 1983. Seitdem ist einiges passiert: 1984 wurde das antiquierte Geschäft modernisiert, umfangreiche Umbauarbeiten vorgenommen, zuletzt 1995 Werkstatt und Laden getrennt.

Die Geschäftsleute Thomas Görgen, Will Frötschl (Bekleidung), Paul Jung (Elektro) und Alfred Heinen (Raumausstattung Zink) hatten einst bis nach der Jahrtausendwende die „Interessensgemeinschaft Steinweg“ mit 40 Mitgliedern und Geschäftsinhabern gegründet. Kirn biete nach wie vor ein breites Portfolio und Kirn-aktiv hat leistungsstarke Fachgeschäfte, dennoch sei die Fluktuation groß, „handwerkliche Produktionsbetriebe und Berufsstände werden weniger – filigrane Uhrmacher fehlen“, sinniert Thomas Görgen. Schwerer Aderlass des Mittelzentrums Kirn war beginnend Mitte der 1970-er Jahre der Wegfall Tausender Arbeitsplätze in der Lederwarenbranche. „Niemand konnte überhaupt begreifen, dass man ein Leder-Portemonnaie aus Fernost billiger kaufen kann, als hier das Leder kostet!“, beschrieb damals Hans Zahn, Urgestein des Kirner Handwerks-Gesellenvereins, die Problematik und den Wandel. Das dunkelste Kapitel und ein gravierender Einschnitt im Leben der Familie Görgen war ein schwerer Einbruch 2009 kurz vor Weihnachten. Bis auf Silberschmuck war alles leergeräumt – wirtschaftlich und mental ein schwerer Schock.