Becherbach/Bad Sob: Haydns Jahreszeiten war absolutes Jahreshighlight

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Fotos Textende anklicken. Becherbach. / Bad Sobernheim. Am 21. Septemer 2019 in der ev. Kirche in Becherbach und tags darauf in der Bad Sobernheimer Matthias-Kirche wurde als ein besonderes Jahreshighlight „Die Jahreszeiten“ von Joseph Haydn aufgeführt. Kantorin Mechthild Mayer, die jüngst mit dem felkestädtischen Kulturpreis „Das goldene Herz“ der Helmut Kochendörfer-Stiftung geehrt wurde, verglich am Ende nach Jubelrufen und stehenden Ovationen in ihren Dankesworten die Aufführung des sehr selten gehörten Werkes mit der Besteigung des Himalaya-Gebirges – lange galten „Die Jahreszeiten“ mit ihrem weltlichen Stallgeruch und dem geistlichen Erleben als nicht ebenbürtiges Werk neben der Schöpfung.

Die Proben zu ihrem Jubiläumskonzert „50 Jahre Becherbacher Kirchenchor“ mit dem Chor jener Kirchengemeinde unter Leitung von Mechthild Mayer und der Chor-Initiative Sobernheim (CIS) unter Andrea Coch begannen vor einem Jahr – brillante Solisten waren Sopranistin Miriam Feuersinger, Georg Poplutz (Tenor) und Burkhard Mayer (Bass), sowie das mehr als drei Dutzend zählende Münchner Barockorchester „L´apra festante“ unter der kongenialen Leitung von Konzertmeister Christoph Hesse auf Instrumenten aus der Haydn-Zeit.

Die Jahreszeiten sind das Spätwerk von Joseph Haydn (1732- 1809), in dem er mit einem farbenprächtigen Orchester (Posaunen, Trompeten, Hörnern, Klarinetten, Percussions und vielem mehr) den Verlauf der Natur von Frühling - Sommer - Herbst und Winter wie sein eigenes Leben sehr authentisch und koloriert in allen Facetten widerspiegelt. Da werden im Frühjahr pure Lebensfreude und fröhlich springende Lämmer besungen, der Sommer mit Sturmgebrüll, Hitzegewittern und dramatischen Flächenbränden, wie sie die Region vor wenigen Wochen erlebte, genau geschildert. Im Herbst dominiert die Erntezeit mit seiner Fröhlichkeit samt dem Jagdtreiben, während im Winter Eis und Schnee, Melancholie und Einsamkeit, bäuerliche Arbeiten bis hinein in die Spinnstube oder das Körbe flechten, detailliert vorüber ziehen. Anders als bei der Schöpfung fand Haydn in den Jahreszeiten im 1801 uraufgeführten weltlichen Oratorium als dem letzten seiner vier Oratorien zum Höhepunkt: „Die Himmelspforten öffnen sich! Dann gehen wir ein in deines Reiches Herrlichkeit“.

In ihrer Einführung erinnert die Kirchenmusikerin Mechthild Mayer an das Schmelzen der Gletscher, ans Krepieren der Fische, dem Artensterben und extremen Veränderungen der Umwelt: „Haydns Werk führt uns in besonderer Weise die Verbindung von Schöpfung und Geschöpf vor Augen und bringt uns ihre Schönheit zu Gehör. Deshalb sind die Jahreszeiten aktueller denn je“. Und im Konzertführer kommt Dirigent Freiherr Enoch zu Guttenberg (1946-2018) zu Wort: „Wir haben vergessen, dass unsere Wurzeln in der Natur liegen…Die Jahreszeiten sind eine Symbiose von Mensch und Natur. Ich schaffe es nicht, sie zu dirigieren, ohne zu weinen, ohne zu sehen, was wir zerstört haben“.

Entsprechend leidenschaftlich riefen Chor und Solisten eine grandiose Leistung ab und wuchsen über sich hinaus: Die Solisten sind allesamt studierte und professionelle Akteure, die in mitreißender Performance, strahlender Mimik und Gestik mit glühender Leidenschaft voller Enthusiasmus souverän ihr Metier beherrschten: „Ich habe dich noch nie so brillant kokettierend gesehen und gehört“, nahm am Ende Miriam Feuersinger, die als führende Sopranistin im Bereich der deutschen geistlichen Barockmusik auf Konzertbühnen weltweit  zuhause ist, Komplimente aus dem Orchester entgegen. Nicht minder flogen Georg Poplutz für seine klangliche Empfindsamkeit und Ausdrucksstärke als geschätzter Lied- und Oratorientenor sowie dem waschechten Becherbach Bub und renommierten Bass-Bariton, Burkhard Mayer, alle Sympathien aus dem Publikum zu. Es menschelte gewaltig - das Trio freute sich am Ende diebisch auf nichts mehr, als auf ein zischendes Kirner Stubbi.

Mechthild Mayer dirigierte den erwachenden Frühling im Text von Gottfried van Swieten, wo das Freudenlied mit liebreizend-turtelnden Attributen zwischen den Chören, Frauen, Männer und Solisten im Wechsel überraschte. Beim Sommer übernahm CIS-Leiterin Andrea Coch den Taktstock – hier hatten die Zuhörer die Dramatik der Flächenbrände auf der Limbacher Höhe vor Augen, als Chor und Solisten zu Cavatina, Arien oder Rezitativen von der „Mittagssonne brenned jetzt voll Glut und gießt ihr mächtiges Feuer hinab“ berichteten und in epochal-aufgewühlten Szenen Donnergrollen und flammende Blitze beschrieben.

Nach einer Stunde und 15 Minuten wurden die Zuhörer in Becherbach wie in Bad Sobernheim zur Pause in den Kirchgarten gebeten, wo an vier Stationen kulinarische Genüsse aus den vier Jahreszeiten warteten und sich einige Akteure einen Schluck Wein gönnten. Denn mit dem Herbst wurde neben dem Fleiß der Bauern und Winzern auch fröhlich-heiter, mitreißend und jubilierend von den Solisten die Zeit der Ernte, Obst- und Weinlese mit frischem Most in herrlichen und lebensbejahenden Sequenzen, voluminösem Jagd- und Parforcehörnerklang der Hubertusjagd, gehuldigt. Und beim „heisa-hopsala- nun fassen wir den letzten Krug“ war „aus vollem Halse schreien“ in tausendfachem Jubelschall ein leichter Schwips herauszuhören.

Melancholisch und schwermütig-träge leitete Burkhard Mayer den Winter ein: „Unmutsvollen Tagen folget schwarze Nächte langer Dauer“, und hier war das „Spinnerlied – schnurre, Rädchen, schnurre“ von Gottfried August Bürger, exzellent vom Kirchenchor und der CIS intoniert, ein wahrer Ohrenschmaus und Sahnehäubchen, was man an langen Winterabenden in der Stube alles macht.

Die vier Jahreszeiten im Jahreszyklus in klarer Sprache waren dank einem Konzertführer und einem ausgereiften Orchester ein brillanter Konzertgenuss für alle Sinne – wo es den Zuhörern mehrfach in den Fingern kribbelte, spontan zu applaudieren. „So etwas in der Provinz? Phänomenal, Chapeau!“ – dies war an beiden Orten mehrfach zu hören und nur dank des Kultursommers Rheinland-Pfalz, der Bürkle Stiftung, der Volksbank Rhein-Nahe-Hunsrück, Kreissparkasse Birkenfeld und dem Förderkreis Kirchenmusik an der Matthiaskirche möglich.

>>>Zu den Fotos: Erleichtert, aber überglücklich nach 2:30 Std. Gesangs-Marathon zu Haydns selten gehörten „Die Jahreszeiten“: Mechthild Mayer (von links), Tenor Georg Poplutz, Miriam Feuersinger (mitte), Burkhard Mayer (Bass) und Andrea Coch.

Im Frühjahr an Ostern gehören Ostereier dazu - und das Orchester „L`arpa festante“.


Bild- siehe Textende