Mit "warmer Hand vererben" erspart viel Zoff - Der Staat erbt IMMER mit!

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Bad Sobernheim. Nach 2009 in Waldböckelheim war es die zweite Info-Veranstaltung dieser Art. 280 Zuhörer füllten Kaisersaal und Philipskirche. „Wir bekommen ganz oft Sachen zu spät auf den Tisch, wo wir nichts mehr machen können und das ärgert uns dann“, sagte Angelika Dhonau-Thabe auf Nachfrage.  Denn: „Nirgends im Recht ist die Fehlerquote so hoch, wie im Erbrecht“, sagte sie. Kernaussage aller fünf Referate war: Sich frühzeitig kümmern und anwaltlichen Rat einholen, nicht erst, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist. Ziel müsse vor dem Hintergrund der Demografiepyramide Aufklärung und die Erkenntnis sein, dass sich die Welt verändere und entsprechend darauf reagiert werden muss. Die Problematik sei relativ neu: Bisher haben die Eltern im eigenen Haus gelebt und kamen mit ihrer Rente aus. Jetzt durch medizinischen Fortschritt werden die Menschen älter und irgendwann müssen die Eltern ins Heim und dann reicht das Geld nicht mehr aus.

>>>Dr. Angelika Dhonau-Thabe, Fachanwältin für Familien und Erbrecht thematisierte die bestehende Rechtslage beim Elternunterhalt. „Kinder die reich sind, sollen ernähren, Eltern die arm sind“- neben dieser Kernaussage zitierte sie das BGB von 1900, wo genau geregelt ist, dass nur Verwandte in „gerader Linie“ (Großeltern, Eltern, Kinder und Enkel) erst ab einem eigenen Grundselbstbehalt von 1.600 Euro Unterhaltsverpflichtet sind. Im Prinzip sei diese Denkweise nicht neu, sie übersetzte Juristendeutsch und erklärte die drei Begriffe Schwiegerkinderhaftung, Quoten und Geschwisterhaftung sowie die Verwirkung.

>>>Rechtsanwältin Simone Lenhart von der Sozietät Dhonau Dhonau Dickes vertiefte beim Unterhalt die Leistungsfähigkeit und ging ins Detail: Was braucht der Pflegebedürftige, was hat er selbst an zu verwertetem Vermögen, welche Kriterien liegen dem bereinigten Nettoeinkommen des Unterhaltspflichtigen zugrunde und wie ist die Rechtsprechung beim so genannten Schonvermögen. „Das Sozialamt leistet Hilfe zur Pflege und streckt das Geld vor“, und guckt dann, vom sie das fehlende Geld zurückfordert. Zum Schonvermögen zählt die eigene Altersversorgung, Ausbildungs-, Vorsorge- und das Notbedarfsvermögen in Höhe von 10.000 Euro. Wichtig: Jeder „Fall“ muss als Einzelfall betrachtet und geprüft werden.

>>>Sparkassenbetriebswirt Michael Ginz räumte vor dem Hintergrund des demografischen Wandels mächtig auf mit der Mär „..in ruhiger See Richtung Ruhestand und Rente schippern“ auf, weil der altbewährte Generationenvertrag nicht mehr funktioniert. Sein Metier ist die Alterspyramide und das beherrschende Thema Pflege. Wie ist der Vermögensaufbau und wie kann er übertragen werden. „Mehr als dreiviertel der selbst erstellten Testamente sind falsch oder fehlerhaft“- niemand sei davor gefeit, frühzeitig Vorsorge zu treffen. Er nannte Risiken bei Verfügungsvollmachten: Bei 830.000 Sterbefällen im Jahr, 2.300 täglich, errechne sich ein Übertragungsvolumen von über 200 Milliarden Euro, etwa 240.000 Euro pro Sterbefall.

>>>Rechtsanwalt Dr. Claus Dickes beleuchtete das Thema Sozialhilferegress und das Schreckensszenario, wenn zur Deckung der Pflegekosten das Eigenheim den Bach runter geht. Er nannte Möglichkeiten bei Immobilienübertragungen. Der Experte baute vor: „Alles was sie hier hören ist legal und von Gerichten abgesegnet“. Dickes nannte Fallstricke beim Prinzip der Schenkung und die Unterschiede zwischen Nießbrauch- und Wohnrecht. Der „Ernstfall“ trete ein, wenn eine „Überleitungsanzeige“ des Sozialamtes im Briefkasten landet. Damit sei längst nichts entschieden, nur, dass jetzt geprüft werde: „Leider ist es so, dass vom Sozialamt oft Ansprüche geltend gemacht werden, die nicht rechtens sind. Sie sollten auch nicht im Vertrauen darauf zahlen, dass alles Behördliche rechtlich ist“, und schon gar nicht sollten die Zuhörer in Aktionismus verfallen, sondern frühzeitig Rat holen. Denn, alle Achtung: „Im laufenden Verfahren zu Lebzeiten, wenn die Pflege bereits besteht, ist es zu spät: Dann ist eine Immobilienübertragung Sittenwidrig“.

>>>Last but not least: Rechtsanwalt Henning Hörhammer als Fachanwalt für Erb- und Familienrecht ist zertifizierter Testamentsvollstrecker und hielt ein flammendes Plädoyer über das Erben und Vererben und die Steuerfreibeträge und Besonderheiten in einer Patchworkfamilie: „Am Schluss erbt der Staat – immer!“; - mit dieser perplexen Aussage schloss er sein Referat. Dieses Fazit musste erst einmal in einer langen Schrecksekunde „sacken“. Man könne keine Patentrezepte verteilen, aber es gebe für jeden Einzelnen im Saal maßgeschneiderte und individuelle Lösungen von seriösen Experten mit Fachqualifikation, warb Hörhammer.

Dank sagte Angelika Dhonau-Thabe ihren eigenen Mitarbeitern, denen die Vorbereitung des Abends eine große Freude war, der Sparkasse Rhein-Nahe, dem Pflegeteam Desch-Martin und Otmar Steeg von der Sozialstation Nahe, die täglich 1000 Menschen pflegen, und die mit Infoständen in der Philipskirche standen. Herzlicher Dank ging auch an Johanna Hörhammer, die trotz malträtiertem Fuß die komplette Veranstaltung managte.


280 Zuhörer im Kaisersaal

mit 5 top-aktuellen Referaten