Urban Priol: Scharfschütze aus der ersten Reihe - 3:10 Std. Klartext

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Hammer: Urban Priol - Im Oktober 2013 schieden ohne Reue, trotz Knatsch aber auf eigenen Wunsch auf dem Höhepunkt ihrer Beliebtheitsskala Urban Priol und Erwin Pelzig (alias Frank-Markus Barwasser) aus der ZDF- „Anstalt“. Neben Georg Schramm (Oberstleutnant Sanftleben oder Rentner Dombrowski) zwei der profiliertesten Kabarettisten, seit es Schokolade gibt. Mit geschliffener Rhetorik und demonstrativem Zorn wiegelt der Bundeswehrversager Georg Schramm in seinem Solo-Programm das Publikum auf. Seine Vorstellungen sind ausverkauft, die Leute gieren nach dem Kabarettisten, seit er nicht mehr im TV zu sehen ist. „Willst du etwas gelten- mach dich selten!“ als Binsenweisheit ist diese Floskel ein zweiseitiges Schwert. Georg Schramm schürt hemmungs- und schonungslos den „Krieg der Reichen", der mit billigem Geld die Züge eines Drogenkrieges annehme, weil die Regierung nichts tut, und der Staat selbst als Dealer auftrete.

Alle drei sind hellwache Köpfe, brillante Rhetoriker, die lustvoll und mit wachsender Begeisterung die aktuelle deutsche Tagespolitik zerfleddern und mehr wollen, als elfkommafünf Minuten Sendezeit und ausgepfrimter Kautabak oder mimosenhafte Gefühlsduselei ohne Spitzen, die Jucken wie Habuttenblüten.   Satirisch-groteske Pointen kommen wie aus einem Maschinengewehr. Alle drei nehmen Hype´s, Tagesaktualitäten, das paradoxe politische Geschäft hinter der aufgebauschten Fassade in den Fokus: Das Gezaudere und Gezeter, das empörte „Ach du lieber Gott, was die anderen alles mit uns Deutsche mache….“, aber uns geht gut! Genüsslich karikieren sie das krasse Gegenteil, sezieren messerscharf wie der Steuerzahlerbund, was Banken und Märkte, Staat und Politik seinen Bürgern antun und abverlangen.

Es ist 24. Oktober 2013, Donnerstagabend,  in der Donnersberghalle Rockenhausen, Punkt 20 Uhr. Die Rheinpfalz titelt später über Urban Priol als „Scharfschütze aus der ersten Reihe“: Er kommt völlig unaufgeregt mit Tablet PC, Handy und einem Bier, in Turnschuhen und altfränkischem Hawaiihemd auf die Bühne. Eigentlich ist es das Terrain des „Pälzers“ Ramon Chormann. Aber die Zuschauer wollen den sichtlich auf Krawall gebürsteten echten Aschaffenburger Mainfranken Urban Priol live, in Farbe und hautnah erleben.

In Idar-Oberstein war er beim Bund, jetzt im 31. Jahr steht er auf der Bühne und tippt ins Handy. „Hallo- ich bin in Rockenhausen. Es ist bombig hier. Die nächsten drei Stunden nicht stören- Top Secret“ ruft er laut- damit die vom amerikanischen Abhördienst NSA Bescheid wissen. Auf 50 Milliarden Euro jährlich wird Betrug, Spionage und Produktpiraterie beziffert, Hacker haben Hochkonjunktur. Der 52-jährige ist besser als im Fernsehen. Viel besser. Er nutzt die neuen Medien, gibt schon um 20 Uhr den Halbzeitstand des Fußballspiels Frankfurt gegen Haifa mit 2: 0 an, obwohl das Spiel erst eine Stunde später beginnt. Spiegel-online meldet, dass die 30 wichtigsten Politiker abgehört wurden, dann „blieb ja die Merkel wieder einmal verschont“. Der Niedergang von Schoppeminister Rainer Brüderle und seiner FDP wird süffisant voll ausgekostet, Genugtuung schwingt mit: Die 500 Mitarbeiter sollen sich den Schlecker-Frauen anschließen, Jobben gehen ins Hotelgewerbe oder einfach nur untergehen…

Die Wut auf Angela Merkels Regierung der „Untoten und Wiedergänger“, die er bei „Neues aus der Anstalt“ im ZDF häufig kultivierte, ist dabei der Verzweiflung und der dümmlichen Machtgier der SPD, an die Fleischpötte zu kommen, gewichen. Warum, warum umarmen die Sozis Merkel nicht und lassen sie allein verhungern? Abendfüllender kompakter Stoff - Drei Stunden und zehn Minuten – Merkel und Co., und die blutsaugenden Märkte und Banken  versinken in Schutt und Asche. Schwarze und Neger in den Schulbüchern ausgemerzt, gestrichen, aber vor Lampedusa dürfen sie verrecken- heile Welt?  Bei nachmittäglichen Soaps im TV wird der Mercedes Stern wegen „Schleichwerbung“ abgeklebt, aber hintenrum halten sie die Hand auf, werden die Säckel gefüllt. Das sei unehrlich, verwerflich. Wie die 700.000 Euro BMW-Quant- Spende für „Mutti“- unheimliche Auto-Lobby!

Über drei Stunden brennt er ein Feuerwerk ab, eine haarsträubende Kalamität jagt die nächste Tirade. Polemisch? Ja. Aber: Er ist schnörkellos und direkt. Sagt, was "man" nicht sagen darf. Unterfüttert und begründet nachvollziehbar seine geistreichen, verqueren Gedankengänge mit tiefsinniger Ironie, seine Pointen ziehen an und aus, entblößen, enden oft in blankem Hohn und Spott gegen die Großkopferten, Politiker und  Lobbyisten und alle, die den Staat ausplündern wie eine Weihnachtsgans. Auf Krawall gebürstet hält er den Zuhörern den Spiegel vor. So wollen ihn seine Fans sehen, 3:10 Stunden. Viel zu lang um zu folgen, aber ungeschönt direkt. Urban Priol gehört in den Schulunterricht. Eine Stunde die Woche reicht, und die Welt wäre ehrlicher, wahrhaftiger!


Urban Priol

schreibt wieder lieberAutogramme

und geht eingene Wege (Hier mit Fritz Bischof, Kirn)