Neue Wörter sind easy und griffig - Aber: Auch Mundartautoren sind topp

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FOTOS und Archiv-LINK Textende - Naheregion. Es gibt wieder neue Wörter. Um die Jahrtausendwende hieß es im Becherbacher Jugendraum: „Samstag ist Gammelfleischparty“. Was bitteschön? – „Ü-50-Rollator-Party“. Wie? Liegt die Messlatte schon so niedrig? Gut, das Verb „couchen“ oder „abhängen“ erklärt sich als Sofafaulenzen von selbst. Neu in der Shooting-Hitliste ist das Verb wellnessen und die „Rentnerbravo“ - eine etwas despektierliche Bezeichnung für eine in der Apotheke meist gratis erhältliche Gesundheitszeitschrift. Die Merxheimer Naheland-Apotheke bringt sogar kostenlos eine reine Reklame-„Zeitung“ heraus, demnächst gibt’s „Viagra“ zum probieren für alle…

Und was bitteschön sind Helikoptereltern oder Mokassinkinder? Halbwüchsige haben Begriffe und einen Sprachschatz aufgrund Social-Media Optimization, Internet und Stand Up-Comedy in ihrem Repertoire, wo sie aus einem reichen Fundus ihre Lebensrealität skizzieren, da kann man nur mit den Ohren schlackern. Das „neue Wörterbuch-Wiki der Szenesprachen“ ist in sechs Kapiteln mit über 700 Wörtern voller spannender Beiträge. In den SeriousLife Seiten findet man parallel zum Burn-Out, neu, das Bore-Out als Langeweile im Job. Futternarkose ist die Sättigung nach dem Lunch und Ökonozid ist fortan ein Suizid aus ökonomischen Gründen. Fruppies sind frustrierende Yuppies.

Als Pärchenterror bezeichnen heute Singles die Omnipräsenz glücklicher Paare, die besonders im Frühling wieder aus ihren Löchern hervorkommen und die Parks oder Cafés [...] dieser Welt knutschend, kuschelnd und händchenhaltend für sich vereinnahmen. Und mit dem Wort Screenager werden Netzwerkkinder bezeichnet, die einen Großteil ihrer Zeit vor dem Bildschirm verbringen.

Dabei ist das Schwimmen im Mainstream mit Twitter-Account oder als Face-Book-Blogger nicht unbedingt identisch mit der Floskel „up to date“ oder ein „Highlight“ sein. Wissen ältere eigentlich, was so genannte Kofferworte wie etwa eine „Netiquette“ sind? Interessiert Lieschen Müller oder Hugo Normalo das Unwort des Jahres, wenn sie mit 75 noch malochen müssen fürs tägliche Brot und nicht „abchillen“ können wie wohlhabende Silver-Surfer?

Übrigens: 2014 haben Sprachwissenschaftler „Lügenpresse" zum Unwort des Jahres gekürt. Der Ausdruck setzte sich gegen Vorschläge wie „Putin-Versteher" oder „Pegida" durch. Letztere propagierten das Unwort.

Beim Durchklicken der Neologismen fällt auf den ersten Blick auf, dass es nach wie vor Anglizismen sind, die aus der Jugendsprache kommen. Sie sind teils rudimentär eingedeutscht - wie zum Beispiel „nailen", also jemanden mit Fingernägel kratzen, oder aber als englisches Wort „Leak" – für das Veröffentlichen geheimer Dokumente. Investigativer Journalismus boomt, melden online-Redaktionen.

Die Fressnarkose ist ein Phänomen, bezeichnet den komatösen Zustand nach einer sehr üppigen Mahlzeit. Übrigens: „Mc D“ hat Umsatz-Rückgänge, die Mitarbeiter sollen noch mehr Eis ins Getränk machen. Igitt. „Coffee to go“ floriert. Als trendige Alternative kommt der Gehkaffee trotzdem konservativ und behäbig daher. Die Rehborner Mundartkoryphäe Norbert Schneider fand besagte „schee hääß Tass` Kaffee“ nicht bei Tchibo. Die hatten dagegen allerlei „onners Gelumps“. Dafür gab´s an der Bistro-Tankstelle Kaffee.

Im Computerzeitalter können Synonyme wie etwa Bits und Bytes, Hard- oder Software, noch so toll klingen. Wer einmal die Mundartautoren unserer Heimat –vornehmlich Norbert Schneider (Rehborn), Elfriede Karsch aus Waldböckelheim oder den Becherbacher Werner Barth mit ihren Utznamen, treffenden Häusernamen (Schuh-machersch, Schneider-michels, Müller-Petersch) oder nostalgischen Reminiszenzen, mit ihren Anekdoten und Episoden einmal  gehört hat, gerät ins Schwärmen. Jugendsprache anno dazumal. Total hipp und easy. Alles hat seine Zeit. Früher war es auch schön, gemütlicher halt. Man sprach noch mehr miteinander, simste, bloggte oder skypte weniger.

Ganz früher gab es „Otto den Großen“, „Hännes den Schlawiener“, „Karl den Lahmen“ oder „August am Rockzipfel“… Und als der Blinde Johann in Otzenhausen vor den Richter musste, weil er die Rot-Äpfelchen von Nachbars Baum klaute, verteidigte der sich: „Ich konnt´ die nur sehen, weil die mir so schön in die Augen blinkten, Herr Richter“ – er kam nochmal glimpflich und ungeschoren davon….

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Norbert Schneider / Renate Weingarth-Schenk

...in Meddersheim

Werner Barth & Elfriede Karsch

Witzig, heiter, humorvoll